Die feine deutsche Art – Stoll „S-Custom“ Steelstring

Zeitschrift: Akustik Gitarre 03/1999 | Autor: Jürgen Richter

Es gibt Momente im Leben eines Gitarrentesters, die besonders sind. Zum Beispiel, wenn man ein Instrument der durchaus gehobeneren Kategorie ins Haus bekommt. Dabei ist das Glücksgefühl immer mit der bangen Frage verbunden: Ist sie es auch wirklich wert?

Stoll gehört schon seit vielen Jahren fest in die Szene, aber er baut in relativ geringen Stückzahlen, so dass man seine Instrumente selten einmal zu sehen bekommt. Sein Spitzenmodell nennt sich "S-Custom" und er schreibt, dass für diese Einzelstücke fast alles an Optionen machbar sei und alle Vorstellungen verwirklicht werden können. Dafür verlangt er einen durchaus stolzen Preis, denn gute sieben Riesen für das Basismodell wollen erst mal erspielt sein.

Aber was bekommt man für diese Fronarbeit? Nun, zuerst mal ein Instrument, das schon optisch aus dem Rahmen fällt. Stoll benutzt nämlich für seine Stahlsaiten-Gitarren eine eigene Form, die eher an die einer Klassikgitarre erinnert. Die Schultern sind hier eher rund geraten, und das Verhältnis zwischen oberer und unterer Hälfte erscheint harmonisch und ausgewogen. Ein Labsal für alle, denen eine Dreadnought zu voluminös ist, die aber dennoch nicht auf einen "großen Klang" verzichten wollen.

Konstruktion

Bei einem solchen Top-of-the-Line-Instrument ist es eigentlich nur recht und billig (Letzteres vielleicht nicht so ganz), dass nur die besten Hölzer zur Anwendung kommen. Stoll verwendete für die Decke Engelmann-Fichte in AAA-Qualität, Boden und Zargen bestehen aus Makassar-Ebenholz.

Dies ist ziemlich einzigartig, denn normalerweise bestehen hochwertige Gitarren aus Palisander. Um seiner Eigenschaft als Reflektor (und weniger als Resonator) nachkommen zu können, ist für den Boden ein möglichst hartes Holz gefragt. Makassar-Ebenholz könnte hier durchaus eine Alternative zu Riopalisander darstellen, denn dieses ist praktisch nicht mehr erhältlich. Optisch muss sich der Gitarrist dabei nicht mal umstellen, denn Palisander und Makassar sehen sich relativ ähnlich.

Auch die Decke wird von Stoll mit höchster Sorgfalt bedacht. Zwar fühlen sich die Balken nicht nach Scalloped Bracing an, aber laut Stoll sind sie es dennoch. Er klopft nach seinen Angaben die Decke bei der Herstellung ab. Dabei nimmt er an verschiedenen Stellen Holz weg, was seiner Ansicht nach zu einem besseren Ergebnis führt als das standardisierte Scalloped-Verfahren. Der Hals besteht aus Cedro, einem Holz, welches normalerweise für Klassikgitarren benutzt wird. Es ist leichter als das sonst verwendete Mahagoni.

Damit sind die Parallelen zur Klassikgitarre jedoch noch nicht erschöpft. So erinnert das Halsprofil mit seiner sehr flachen Rückseite stark an einen Klassikhals, wenngleich dieser hier natürlich viel schlanker ist. Auffälligstes Merkmal ist der durchstochene Kopf mit den offenen Freewheel-Mechaniken. Auch hier fasst der Wunsch nach Gewichtsverminderung. Ein erwünschter Nebeneffekt ist dabei aber auch der erhöhte Saitendruck auf den Sattel, der insbesondere für die Leersaiten von klanglichem Vorteil ist.

Ein wesentliches Halsmerkmal sieht man nicht auf den ersten Blick: Der Hals und der Korpus sind nach spanischer Art zusammengefügt. Oberblock und Hals sind also aus einem Stück; der Hals ragt weit in den Korpus hinein. Dazu werden bei der Fertigung Schlitze in den Halsfuß gemacht, in die die Zargen eingeschoben werden. Erst dann kann man Boden und Decke aufleimen. Stoll verspricht sich von diesem Verfahren eine bessere Projektion der Obertöne - das Instrument soll feiner klingen.

Der Steg schließlich ist ganz normal aus Ebenholz gebaut, ebenso das Griffbrett. Hier findet man 21 Bünde aus mittelstarkem Material. Unter den oberen beiden Saiten ist es etwas verlängert worden, so dass man dort zwei Bünde mehr zur Verfügung hat. Ein Cutaway, um diese Bünde auch erreichen zu können, ist als Option natürlich erhältlich.

Man muss sich allerdings darüber im Klaren sein, dass dadurch (wenn auch nur minimal) der Klang leidet. Die optische Gesamterscheinung der Stoll "S-Custom" ist erfreulich schlicht gehalten. Die Mechaniken haben einfache, glatte Ebenholzflügel, die Grundplatte ist aus mattem Messing. Im Griffbrett findet sich eine einzige Perlmutteinlage im 12. Bund.

Die Randeinlagen bestehen aus dunklem Holz, nicht aus Plastik. Das gilt auch für die Stegpins. Um das Schallloch ist ein schlichter Doppelring aus Holzmosaik eingelegt. Gurtknöpfe oder Pickguard sucht man übrigens vergebens; Stoll ist der Meinung, dass man Zubehör dieser Art schnell montieren, aber nur sehr schwer wieder entfernen kann, wenn man es nicht braucht.

Bespielbarkeit und Klang

Die Stoll "S-Custom" ist eine große Gitarre, und so will sie auch gehandhabt werden. Die Probleme, mit ihr klarzukommen, sind nicht wesentlich geringer als bei einer Dreadnought. Man sollte also über eine gewisse Körpergröße verfügen, wenn man die Stoll "S-Custom" meistern möchte - oder über entsprechende Übung.

Allerdings ist der Hals ein Genuss, zumindest für Musiker, die eine gewisse Affinität zur Klassikgitarre haben. Diese Gitarristen sind es gewohnt, den Daumen auf der Halsrückseite abzustützen, und der Hals der "S-Custom" kommt ihnen eindeutig entgegen. Zudem ist er so geformt, dass man auch mit kleineren Händen damit klarkommt.

Stoll selbst meint zwar, dass er dieses Instrument nicht für eine bestimmte Gitarristengruppe baut, trotzdem gehört zweifelsohne die Abteilung "Fingerstyle" zur Stärke der "S-Custom", schon mal wegen des ungemein komfortablen Halses. Aber auch der Ton der Gitarre geht in diese Richtung, denn zum einen halten sich die Mitten dezent zurück, zum andern sind die Bässe sehr gut zu kontrollieren. So erreicht der Fingerpicker eine schöne Trennung von Bass und Diskant, ohne dass der Bass dabei zum Aufschaukeln neigt.

Aber die "S-Custom" wäre keine großvolumige Gitarre, wenn dies ihre einzige Domäne wäre. Ebenfalls sehr gut klingt alles Solistische darauf. Durch den großen Korpus hat der Diskant auch in den hohen Lagen eine Fülle und Wärme, die z.B. eine 00 so kaum liefern kann - und wenn, dann nicht in dieser Lautstärke. Auffallend ist dabei die spontane Ansprache jedes Tons, was man von einer großen Gitarre so nicht erwartet hätte.

Kommen wir kurz zu den Musikrichtungen, für die die Stoll vielleicht nicht so geeignet ist. Das wären alle Stile, die entweder nach kräftigen Mitten, nach extrem kraftvollen Bässen oder gar nach beidem verlangen. Blues also oder, mit Einschränkungen, Bluegrass. Für diese Stile klingt die Stoll meines Erachtens einfach zu fein und zu fragil.

Sehr schön kommt sie dagegen als reines Begleitinstrument. Mit einem extradicken Pick, locker gehalten, kann man der Stoll wunderbare Akkord-Sounds entlocken, die in keinem Moment die Tendenz haben, die Stimme unterzubuttern. Gleichzeitig hat man nie das Gefühl, dass sie vielleicht im Gesamtsound untergehen könnte, auch wenn ein Bassist oder ein Perkussionist dabei sind.

Fazit

Die Stoll "S-Custom" Steelstring praktiziert Understatement, und das auf extrem hohem Niveau. Weder fällt sie durch besonderen Zierrat oder wild gemaserte Hölzer auf, noch kommt sie poltrig und krachend daher. Diese Gitarre könnte aus England kommen; zumindest stellt man sich so einen echten Gitarren-Lord vor. Ob der Preis dabei angemessen ist, muss natürlich jeder für sich selbst entscheiden, aber bei einem Bentley spricht ja auch kein Mensch über Pfund, DM oder Euro ...