Stoll Ambition Fingerstyle

Zeitschrift: Akustik Gitarre 02/2006 | Autor: Andreas Boer

Christian Stoll baut seit über 25 Jahren Gitarren: Aus seiner Werkstatt kommen Nylon- und Stahlsaitengitarren, ein Acoustic-Thinline-Modell und natürlich der legendäre Stoll Akustikbass. Zum Test steht heute die "Ambition Fingerstyle", das 12-Bund-Modell der Ambition.

Fingerstylisten haben – wie Flatpicker, Klassiker oder Blueser auch – ganz spezielle Anforderungen an ihr Instrument. An erster Stelle stehen für die meisten wohl eine Halsbreite, die genügend Raum lässt für komplexe Fingersätze und ein Sound, bei dem die Frequenzen sauber getrennt erklingen. 12- Bund-Gitarren sind traditionell dafür bekannt, gut für Fingerpicking geeignet zu sein, da ihre Bauweise einem solchen Klangideal förderlich ist. In Verbindung mit einem verbreiterten Griffbrett haben wir fast schon das perfekte Arbeitsgerät für Fingerpicker. Womit wir bei der ‚Ambition Fingerstyle‘ wären.

Aufbauend auf dem Standard-Modell der Ambition hat Christian Stoll hier den Hals- Korpus-Übergang auf den 12. Bund verlegt. Bis Anfang der Dreißigerjahre war das sogar der Industriestandard für Steelstrings, bis die Musiker nach anderen Instrumenten verlangten. Später setzen sich Instrumente durch, deren Hals-Korpus- Übergang am 14. Bund liegt. Berühmtes Vorbild für alle 12-Fret- Modelle ist bis heute die Triple-O von Martin. Christian Stoll geht jedoch konsequent seine eigenen Wege, wenn es um Design und Klang seiner Gitarren geht – und das zu einem wirklich vernünftigen Preis.

Konstruktion

Die Form der Ambition Fingerstyle ist eine eigenwillige Mischung aus einem Orchestra- Modell, einer etwas vergrößerten Klassikgitarre und einer Roundshoulder-Dreadnought. Sie sieht speziell aus und hat ihren eigenen Charakter. Und sie zählt zu den Instrumenten, bei denen man schon wenige Momente nach dem Auspacken weiß, dass man Einiges erwarten darf.

Dass die Ambition- Gitarren aus der Premium-Linie des Hauses stammen, spürt man sofort. Denn handwerklich erlaubt sich Christian Stoll keine Schwächen: Der Verarbeitungsstandard ist absolut tadellos. Die verwendeten Hölzer (Engelmannfichte für die Decke, Palisander für den Korpus) sind eine Augenweide, und auch die nach außen hin verjüngte Beleistung (scalloped bracing) im Inneren einschließlich der Minileisten in der Zarge hinterlassen einen erstklassigen Eindruck. Das verspricht für die Klangentfaltung so Einiges.

Wie es sich für eine echte 12-Bund-Gitarre gehört, hat die Ambition Fingerstyle keine massive, sondern eine durchbrochene Kopfplatte mit seitlich angesetzten Mechaniken. Dieser „Fensterkopf“ erinnert an die Saitenbefestigung bei Klassikgitarren. Die offenen Mechaniken von Schaller laufen butterweich und sehen mit ihren Ebenholzflügeln zudem edel und ansprechend aus.

Was man nicht auf den ersten Blick sieht: Wie bei all seinen Gitarren verwendet Christian Stoll als einer von wenigen seiner Zunft auch bei seinen Steelstring-Modellen einen spanischen Hals, eine sehr aufwändige Hals-Korpus-Verbindung, bei der Hals und Halsfuß aus einem Stück Holz bestehen und der Korpus dann praktisch um den Halsfuß herumgebaut wird. Sinn des Ganzen ist, das Schwingungsverhalten des Instruments zu optimieren. Zur positiven Klangentfaltung dürfte auch der glänzende Nitrozellulose- Lack beitragen, der sehr dünn aufgetragen wurde, so dass die Holzstruktur deutlich zu sehen ist und die Schwingung nicht behindert wird.

Handhabung

Kurz gesagt: Die Ambition Fingerstyle lässt sich wunderbar spielen. Die Saitenlage ist perfekt eingestellt, nah an der Grenze des physikalisch Machbaren, aber immer noch optimal sowohl für traditionelles Zupfen als auch für moderne Spielauffassungen mit Tapping und anderen speziellen Spieltechniken. Der glatt lackierte Hals ist angenehm abgerundet und liegt gut in der Hand. Mit über 47 mm Breite am Sattel bietet er außerdem ordentlich Raum zur virtuosen Entfaltung der Finger. Klassiker wie Folkpicker werden sich hier wohl fühlen. Dass zwei Bünde weniger zur Verfügung stehen als bei einer Vierzehn-Bund-Gitarre, merkt man eigentlich nur, wenn man versucht, im 10. Bund ein GDur zu greifen. Ohnehin sind Fingerstylisten nicht allzu häufig im ganz hohen Register beschäftigt, so dass zwölf Bünde für die meisten wohl ausreichen dürften.

Auch Klassiker, die mit dem Gedanken spielen, auf Steelstring umzusteigen, dabei aber nicht auf den gewohnten Spielkomfort verzichten möchten, sollten die Ambition Fingerstyle ausprobieren. Hals und Korpusmaße werden ihnen durchaus vertraut vorkommen. Durch die veränderte Position des Halsansatzes verschiebt sich auch die Position des Steges nach hinten, was für den XKreuzungspunkt einen größeren Abstand zum Schallloch zur Folge hat. Das ergibt nicht nur eine größere Fläche freier Schwingungsfläche (der X-Punkt ist eigentlich nur aus Gründen der Stabilität mit der Zeit immer näher in Richtung Schallloch verlegt worden), sondern auch weit reichende Möglichkeiten zur kreativen Klangfindung zwischen Steg und gegriffenem Akkord. Da gibt es für die rechte Hand viele neue Töne und Zwischentöne zu entdecken – für kundige Gitarristen ein weiterer Pluspunkt der Ambition Fingerstyle!

Klangkultur

Richtig gelesen: Klangkultur. Die Ambition Fingerstyle hat einen beachtenswerten, einen einzigartigen Ton zu bieten, den man in dieser Art wohl mit keinem anderen Instrument erzielen kann. Man muss sich gleichwohl erst an ihn gewöhnen, vor allem, wenn man von Jumbo oder Dreadnought kommt. Sie besticht zunächst durch ihre enorm schnelle Ansprache, was mit der Decke aus Engelmann- Fichte zu tun hat, aber eben auch den handwerklichen Bemühungen, die Klangentfaltung zu optimieren. Das Frequenzspektrum hat einen ungewöhnlich weiten Umfang. Da sind dank des lang gestreckten Körpers tiefe Bässe, kombiniert mit ausdrucksstarken, strahlenden Höhen. Die Bässe bleiben kontrollierbar (es sei denn, man spielt ungebremst mit einem Daumenpick), und das hohe Register ertönt nicht schrill, sondern eher seidig. Der Schwerpunkt liegt aber ganz klar bei einem höhenreichen Klangbild mit leicht komprimiertem Charakter, das Fingerstylisten jeglicher Stilistik bevorzugen.

Sehr angenehm und inspirierend ist, dass sich ein Übermaß an tiefmittigen Frequenzen, die das Klangspektrum undifferenziert werden lassen, gar nicht erst entfalten kann - als habe die Ambition Fingerstyle eine Art Filter eingebaut. Das ist vor allem bei schnellen Arpeggien à la Alex de Grassi wichtig, die der Hörer bei einer weniger guten Gitarre schlicht nicht mehr gut wahrnehmen würde, weil sich die Mitten irgendwann überlagern. Zusammen mit der schnellen Ansprache macht diese disziplinierte Klangentfaltung die Ambition Fingerstyle zu einem Trauminstrument für Fingerstyle- Impressionisten. Interessant ist auch der Charakter des Sustains: Lässt man einen Akkord bis zuletzt ausschwingen, bleiben alle Frequenzen sauber im Raum stehen und verklingen ebenmäßig. Das ist schon außergewöhnlich!

Auch mit einem Plektrum gespielt kann die Ambition Fingerstyle durchaus gefallen. Single- Note-Lines sind sicher nicht ihr Spezialgebiet. Aber Rhythmusspuren mit einem dünnen Plektrum klingen auf der Ambition Fingerstyle überragend und lassen in einem dicht arrangierten Song herrlich die Sonne aufgehen. Alte Studiohasen nehmen zur Begleitung gerne mal eine dünn klingende Westerngitarre - zweimal aufgenommen und links-rechts im Stereobild verteilt. Mit der Ambition Fingerstyle von Christian Stoll hat dieser Effekt gleich eine ganze andere Qualität, sie kann Liedern auf diese Art und Weise eine völlig neue Dimension und Tiefe verleihen. Ihr eigentliche Stärke jedoch sind, wen wundert's, gezupfte Muster in allen Variationen: folkig, jazzig, New-Age-angehaucht, countryhaft, mit kurzen, langen, harten oder weichen Fingernägeln, mit traditionellen Fingerpicks oder den aLaska-Picks (die übrigens auch von Christian Stoll vertrieben werden).

Fazit

Gute Materialien, beste Verarbeitung, hervorragende Einstellung und dazu für Fingerstyle-Spielweisen perfekte Klangentfaltung und Halsmaße: Die Stoll ‚Ambition Fingerstyle' macht ihrem Namen alle Ehre und erfüllt die Erwartungen, die man an ein handgebautes Instrument stellt. Fingerpicker auf der Suche nach dem "Instrument für´s Leben" sollten mit dieser Gitarre ein Probespiel wagen.

Infos

Gitarre im Test: Ambition Fingerstyle
Download PDF: Testbericht Akustik Gitarre 02/06 Fingerstyle
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