Stoll Classic Custom – Eine Gitarre fürs Leben

Zeitschrift: Grand Gtrs 03/2008 | Autor: Peter Schilmöller

Christian Stoll und seine Firma "Stoll Guitars" feiern in diesem Jahr das 25-jährige Firmenjubiläum. Stoll ist also schon eine ganze Weile in der Gitarrenbauszene umtriebig und blickt auf viele erfolgreiche Jahre in seiner Werkstatt im Taunus zurück. Nicht ohne Stolz berichtet er, dass bei Stoll Guitars heute insgesamt vier Gitarrenbauer arbeiten, die pro Jahr etwa 100 Instrumente herstellen. Stoll hat eine ganze Produktlinie entwickelt, welche Konzertgitarren, Westerngitarren, Akustikbässe und ein Thinline-E-Gitarrenmodell umfasst. Im Angebot finden sich einerseits hochklassige Instrumente aus edelsten Materialien andererseits aber auch Schülergitarren für nur rund 550 Euro. Und auch Letztere sind – das ist schließlich Ehrensache – handwerklich über jeden Zweifel erhaben.

Individuell

Stoll Classic Custom - RosetteWährend etwa die Hälfte der hergestellten Gitarren Standardmodelle aus Stolls Produktpalette sind, werden die übrigen 50 Prozent der Instrumente nach den individuellen Vorgaben von Stolls Kunden gefertigt.

Das ist ja das Tolle, wenn man eine Gitarre bei einem Gitarrenbauer ordert: Fast alles ist möglich, die Hölzer, Formen und Abmessungen können den individuellen Vorlieben und Klangvorstellungen des Kunden problemlos angepasst werden. Für ein hochklassiges, edles Instrument wie die vorliegende Classic Custom müssen dann allerdings auch Lieferzeiten zwischen sechs und zwölf Monaten in Kauf genommen werden. Doch was macht schon eine solche Wartezeit, wenn man dafür eine Gitarre fürs Leben bekommt?

Edles Flair

Die Classic Custom ist eine Traumgitarre, das sieht man schon auf den ersten Blick. Sie basiert auf einem Standardmodell aus dem Programm von Christian Stoll. Spezielle Wünsche hinsichtlich der verwendeten Hölzer, des Halsprofils oder Ähnlichem können aber selbstverständlich berücksichtigt werden. Stoll will uns nach eigenen Angaben mit dieser Gitarre zeigen, "was in seiner Werkstatt so möglich ist".

Die mir vorliegende Version der Classic Custom kommt mit einer zweiteiligen Zederndecke in AAA-Qualität, die über eine sehr schön gleichmäßige, extrem feinporige und schnurgerade verlaufende Maserung verfügt. Mit besonderem Stolz verweist Christian Stoll darauf, dass er dieses Prachtexemplar von einer Zederndecke nicht nur mit einer kunstvoll gestalteten Schalllochrosette, sondern darüber hinaus mit einer Schellack-Handpolitur veredelt hat.

So eine Schellack-Handpolitur ist immerhin eine aufwändige Sache mit zahlreichen Arbeitsschritten – eine selten gewordene Kunst, die viele Gitarrenbauer nicht mehr beherrschen oder aufgrund des hohen Aufwandes kaum noch anwenden. Schellack sei ein Naturprodukt aus den Ausscheidungen der Lackschildlaus, erklärt Christian Stoll.

Um eine derart glatte und gleichmäßig glänzende Deckenoberfläche wie bei der Classic Custom zu erzielen, müsse man den Schellack viele Male per Hand auftragen und polieren. Wie man bei der mir zum Testen anvertrauten Gitarre allerdings sehen kann, lohnt sich die Mühe. Die Decke der Classic Custom glänzt wunderbar seidig, dabei ist die Schellack-Politur nicht mehr als ein dünner Hauch. Das ist der unschlagbare Vorzug, den eine Schellack-Politur bietet: Trotz effektvoller optischer Wirkung hat das Deckenholz genügend Luft und ausreichend Raum zum Schwingen. Dem ultradünnen Schellack sei Dank!

Stoll Classic Custom - BodenAuch hinsichtlich der übrigen Korpushölzer hat die Classic Custom Interessantes in petto. Lange Zeit wurden erstklassige Meistergitarren traditionell mit Rio-Palisander für Boden und Zargen bestückt. Anfang der neunziger Jahre stellte man dieses seltene tropische Hartholz, das ausschließlich im brasilianischen Regenwald wächst, unter Artenschutz. Sämtliche Rio-Palisander- Bestände wurden registriert und die vorhandenen Vorräte können bis heute nur mit entsprechenden Papieren gehandelt werden.

Geschlagen wird Rio-Palisander heutzutage nicht mehr – allerhöchstens illegal brandgerodet, um aus dem Tropenwald Weide- oder Anbauflächen zu machen. Eine tragische Tatsache, die einen Holzliebhaber wie Christian Stoll ärgerlich stimmt. Konsequenz des Dramas um Rio-Palisander ist, dass dieses für den Instrumentenbau hervorragend geeignete Holz einerseits immer seltener wird, andererseits aber auch immer teurer. Christian Stoll fand es deshalb an der Zeit (zu Recht, wie ich meine), sich nach Alternativen umzusehen.

Mit dem bei der Classic Custom verwendeten Cajuna-Palisander für Boden und Zargen hat er einen ausgezeichneten Griff getan. Beim Verarbeiten dieses Satzes hätte er schwören können, es handele sich um Rio, berichtet Stoll. Wer auf das sagenumwobene Rio-Palisander trotzdem nicht verzichten mag, für den hat Stoll noch gewisse Bestände in seinem Lager. Gegen einen Aufpreis kann also auch ein solcher Wunsch erfüllt werden. Bliebe weiterhin zu erwähnen, dass der Hals der Classic Custom aus Mahagoni, das Griffbrett aus Ebenholz und der Steg aus Palisander gefertigt sind. Nun noch ein Sattel und eine Stegeinlage aus Knochen, ein Satz noble Präzisionsmechaniken des amerikanischen Herstellers Sloane und eine handpolierte Nitrocelluloselackierung für Boden, Zargen und Hals – fertig ist die edle Konzertgitarre à la Christian Stoll.

Handwerkskunst

Selbstverständlich sind es nicht nur die edlen Materialien, die die Classic Custom zu einem wahren Meisterinstrument machen, es ist auch die Handwerkskunst von Christian Stoll, die einen entscheidenden Teil beiträgt.

Für Stoll ist beispielsweise die spanische Bauweise des Halses, bei welcher der Korpus der Gitarre um den Halsfuß herum konstruiert wird, ein absolutes Muss für ein Instrument dieser Klasse. Der spanische Hals sei die am höchsten entwickelte Hals-Korpus- Verbindung, die eine hohe Stabilität und optimale Schwingungseigenschaften gewährleiste, so Stoll. Einen hohen Stellenwert hat für Stoll auch die individuelle Feinabstimmung der Decke. Nicht nur die Decke wird aufwändig mit Einzelklötzchen aufgehängt, sogar die Stärke jedes einzelnen Klötzchens wird an die Erfordernisse der jeweiligen Decke angepasst. Auch bei der Anordnung und Ausarbeitung der Leisten bestimmen Sorgfalt und Präzision die Arbeitsschritte.

Klang und Bespielbarkeit

All diese Mühe soll natürlich nicht ohne Lohn bleiben. Wer wie Christian Stoll mit dermaßen großer Leidenschaft zu Werke geht, der will auch ein perfektes Instrument präsentieren. Und das ist ihm zweifellos gelungen.

Die Classic Custom bietet eine enorme Klangfülle, die sich mächtig und voluminös in meinem Wohnzimmer ausbreitet. Diese Gitarre ist laut. Gleichzeitig klingt sie in allen Lagen und auf allen Saiten sehr ausgewogen. Stimmführung wird mit der Classic Custom leicht gemacht: Ihr differenzierter, klar definierter Ton und ihre ausgesprochen deutlich artikulierte Projektion ermöglichen eine klare Unterscheidung zwischen einzelnen Stimmen, das Instrument kommt dem Spieler unterstützend entgegen. Bei schnell gespielten Arpeggios lassen sich die einzelnen Akkordtöne gut voneinander unterscheiden, ohne zu verwaschen.

Toll ist, dass die Stoll-Gitarre sogar ganz oben auf dem Hals noch eine beträchtliche Lautstärke produziert. Für Kammermusik wäre sie damit ideal. Spielend kann sie anderen Instrumenten oder Sängern in Punkto Klangfülle Paroli bieten. Ihre Diskantsaiten könnten zwar für meinen Geschmack noch eine Spur brillanter klingen, doch das muss nicht zwingend eine Schwäche der Classic Custom sein. Vielleicht liegt es ja ganz einfach an den Saiten, die noch etwas zu neu sind.

Meine Erfahrung hat mich jedenfalls gelehrt, dass die Basssaiten immer dann am besten klingen, wenn sie ganz neu sind, die Diskantsaiten hingegen entfalten ihre klangliche Blüte erst kurz bevor sie schließlich gar nicht mehr zu gebrauchen sind. Also gönne ich den Diskantsaiten noch ein paar Tage.

Schlichtweg umwerfend klingt die Gitarre auf jeden Fall im Bassbereich: Satt, knackig und schmatzend tönen die tiefen Saiten bei hartem Anschlag. Warm, samtig und weich hingegen, wenn man leise spielt. Auch die Bespielbarkeit der Classic Custom bewegt sich auf sehr hohem Niveau. Der Hals ist flach und nicht allzu breit, für die Anschlagshand ist der Abstand zwischen den Saiten aber genau so gewählt, dass die Finger perfekt spielen können. Christian Stoll beweist ein ausgezeichnetes Gespür für das "Finetuning" der Bespielbarkeit.

Zum Schluss

Die Classic Custom von Stoll Guitars, in Handarbeit vom Meister persönlich gefertigt, ist eine hervorragende Konzertgitarre, die in eindrucksvoller Weise zeigt, zu welchen instrumentenbaulichen Kunstwerken Christian Stoll fähig ist. Wer als Konzertgitarrist erwägt, sich ein Instrument auf den Leib schneidern zu lassen, der könnte bei einem Abstecher in den Taunus die Gitarre fürs Leben finden.