Schlichte Eleganz – Stoll Classicbass

Zeitschrift: bass quarterly 5/2010 | Autor: Christoph Hees

Gibt es Instrumente, die sich auch und gerade heute in ihrem Bereich herausheben? Die noch dazu konzeptionell außergewöhnliche Ziele verfolgen? Es gibt sie. Der Stoll Classic Bass ist solch ein Instrument. Er misst sich nicht mit anderen. Er ist einfach da. Christian Stoll aus dem Dörfchen Waldems-Esch im Naturpark Rhein/Taunus baut ihn. Sein kleiner Betrieb in ländlicher Gegend hat sich ganz auf klassische wie auch akustische Gitarren und Bässe spezialisiert und ist bei dieser Arbeit stets ganz besonders auf Kundenwünsche ausgerichtet.

Akustische Bässe sind meist ausgelegt auf Bronze- oder auch Nickel-/Stahlsaiten. Umso seltener scheinen Instrumente mit "klassischer" Nylon-Besaitung zu sein. Die Gitarrenmanufaktur von Herrn Stoll hat ein solches Instrument in ihrem feinen Portfolio.

Schon seit den Jahren 2003/2004 erfreut sich das klassisch anmutende Instrument mit der nur 75 Zentimeter kurzen Mensur großer Beliebtheit. Ursprünglich entstanden ist der schlichte, schöne Viersaiter aus dem Wunsch eines Kunden nach einem auch für klassische Gitarristen gut bespielbaren akustischen Bass. Und so sind es seither vor allem klassische Gitarren-Ensembles und auch Musikschulen, die den Classic Bass zur Begleitung im Ensemble einsetzen und so auf E-Bass und Verstärker verzichten können.

Der Classic Bass erscheint als gelungene Kreuzung aus klassischer Nylonstring und "typischem" Akustikbass. Sowohl Korpusgröße und -form als auch die klassische Art der Besaitung entleiht das nur zwei Kilogramm leichte Instrument seinem Gitarren-Pendant, während das Mensurmaß von immerhin 75 cm (Standard-Long-Scale: 86,4 cm) und die dabei "nur" achtzehnfache Bundierung als Gene des akustischen Basses gelten dürfen.

Handarbeit

Das Instrument fasst sich wundervoll seidig an und strahlt neben einer bei vielen deutschen Instrumenten selbstverständlichen, handwerklichen Überlegenheit auch eine gewisse schlichte Eleganz aus. Der seidenmatt lackierte Ahorn-Korpus trägt in einem einteiligen Palisander- Binding eine Fichtendecke in nordischem Blond. Eine handwerklich aufwendige spanische Halsaufnahme mit massivem Halsfuß sorgt für souveräne mechanische Stabilität bei gleichzeitiger tonaler Überlegenheit. Der schöne Hals ist aus Zedernholz gefertigt und trägt ein sieben Millimeter starkes, 18-fach bundiertes Griffbrett aus feinem Schlangenholz.

Der Schallloch-seitige, zusätzliche Halbbund ist typischerweise nur für die E- und G-Saite bei vorsichtigem Greifen nutzbar und daher auch mehr als traditionelles Griffbrett-Ende zu werten. Halsseitig weist das Instrument eine angenehme Dicke auf. Seine matte Lackierung fühlt sich angenehm und absolut widerstandsfrei an. Die mit dem schlichten Firmenlogo versehene Ahorn-Kopfplatte ist typischerweise stark abgewinkelt und trägt so zum guten und gleichmäßigen Anpressdruck am Knochensattel bei.

Vier schön griffige Schaller- Stimmmechaniken in schlichtem Glanz-Silber unterstreichen den Eindruck, dass dieser Bass ganz Spieler- Instrument sein will. Stolls Classic Bass ist mit feinen Hannabach-Nylon-Saiten bestückt, die auf klassische Art am Steg geknotet werden. Der Palisandersteg sitzt bei genauem Hinsehen minimal schräg auf der Decke – ein bewusster Tribut an die optimale Form und Position der Saitenauflage, die so in ihrer Dicke ein gewisses Maß nicht überschreiten muss, dabei aber dennoch für gute Oktavreinheit sorgt.

Pick (It) Up

Das Korpus-Innere des schönen Leichtgewichtes birgt neben dem aufwendig gearbeiteten Verstrebungswerk zur Bewältigung des vergleichsweise höheren Saitenzugs auch den optional bestellbaren McLoud-Pickup ML-1, der für standesgemäße Abnahme und Aufbereitung des Akustik- Signals verantwortlich zeichnet.

Der ML-1 ist durch und durch puristisch ausgelegt: Mit seiner Class-AAusgangsstufe arbeitet er im Test absolut rauscharm und natürlich. Sein Batteriekonsum hält sich mit 4 bis 5 Jahren Laufzeit dergestalt in Grenzen, dass trotz seltener Wechsel eine regelmäßige Kontrolle auf mögliches Auslaufen des Saftspenders nötig erscheint. Ausgegeben wird das elektrische Signal über eine typische Gurthalter-Buchse am hinteren Kontaktpunkt der Zargen.

McDry

Nimmt man den Classic Bass zur Hand, braucht es nicht lange, sich an seinem schönen und vollen Ton nachhaltig zu erfreuen. Für E-Bassisten immer wieder gewöhnungsbedürftig ist es höchstens, dass Saiten mit Nylonkern unter den Fingern zum "Rollen" neigen, doch daran gewöhnt man sich mit entsprechend angepasster Zupf- und Greifhand schnell.

Die Saitenlage ist angenehm. Beim Peilen über die Halskrümmung fällt deren absolute Gleichmäßigkeit auf. Dieses Instrument verfügt übrigens – wie fast jede Nylongitarre auch – nicht über die Möglichkeit der Nachstellung des Halses. Die ersten Melodien sind, dem Charakter des Instrumentes folgend, spitzbübisch herausgegriffene Fragmente klassischer Etüden aus meiner Studienzeit. Ich gewinne das unverhohlene Gefühl, auf einer unvollständig besaiteten und noch dazu übergroßen klassischen Nylonstring unterwegs zu sein.

Der Bass klingt voll und überraschend laut. "Laut" nicht im Sinne von "unverstärkt im Trio draußen spielbar", sondern mehr im Sinne von sonor, präsent und ausgewogen für die Indoor- Nutzung bei nicht zu hohem Geräuschpegel. Die weiche Breitbandigkeit der gebotenen, klassischen Besaitung lädt nicht nur zum Verweilen bei langen, balladesken Linien ein, sie eignet sich bei entsprechend disziplinierter Spielhaltung der Hände auch hervorragend für angedeutetes akkordliches Spiel – und seien es nur einzelne, Grundton begleitende Dezim-Intervalle.

McLoud

Auch in der Disziplin "Plugged-In" schlägt sich der Classic Bass hervorragend: Sein Ton wird überaus authentisch und sehr geräuscharm übertragen. Die Abstimmung der Onboard-Elektronik ist zwar fest eingestellt und nicht über Regler veränderbar, die Güte des verwendeten Tonabnehmers ist allerdings so hoch, dass ein sehr natürliches Klangbild ohne die woanders typischen Schärfen eines Kontakt-Pickups geboten wird.

Die verwendbaren Lautstärken im verstärkten Einsatz sind aufgrund der natürlichen Rückkopplungsgefahr eines Piezo-abgenommenen Instrumentes sehr unterschiedlich. Hier hilft im Grenzfall die kluge Wahl des eigenen Standortes. Auch die musikalische Qualität des gebotenen Sounds am Ausgang kann man am Besten wieder mit dem einer überdimensionierten, heruntergestimmten klassischen Nylonstring vergleichen. Auf einmal findet man sich musikalisch in fast tangoartigen, zumindest aber spanischen Sphären wieder. Aber auch Latin-artige Melodien wirken überraschend authentisch und machen große Freude auf dem Classic Bass.

Dieser Bass ist mitnichten ein Allround-Instrument. Doch trotz dieser vermeintlichen Einschränkung fühlt man sich mit ihm in erstaunlich vielen Stilistiken sehr wohl. Auch folkige Bassbegleitung ist ohne Weiteres sehr praktikabel. Die gebotene Lautstärke reicht dabei stets auch im trocken gespielten Zustand für das Zusammenspiel beispielsweise mit Akustikgitarre und Cajon aus.

Klassisch schön

Der viersaitige Classic Bass stammt aus dem Herzen einer der ältesten deutschen Instrumentenbau-Regionen. Das Know-how und die Liebe zum Detail, die Christian Stoll diesem schönen musikalischen Instrument mitgibt, sind deutlich spürbar und geben ihm die Qualitäten, die ein gutes Musikinstrument auszeichnen: ein akustischer und elektrischer Ton von höchster Güte, mühelose Bespielbarkeit und eine absolut zeitlose Erscheinung.

Der Classic Bass eignet sich neben typisch klassischer Verwendung außerdem für Flamenco-Klänge, folkiges Material und auch jazziges Zeug. Nicht nur Nylonsaiten- Liebhaber sollten den leichten Stoll Classic Bass unbedingt anspielen. Der Classic Bass wird außerdem zu einem sehr angemessenen Preis angeboten und setzt auch damit in seinem Segment Maßstäbe.