Prima – Stoll Primera 63 Nylonstring

Zeitschrift: Akustik Gitarre 02/2002 | Autor: Andreas Schulz

Eine vollmassive Akustikgitarre ab 1.000 € aufwärts anzubieten, ist heutzutage keine Kunst mehr. Dank rationalisierter Fertigungsmethoden und Produktion in Billiglohn-Ländern sind in den letzten Jahren die Preise auch für vollmassive Instrumente stetig gesunken. Wenn aber ein deutscher Anbieter für eine handgefertigte Klassikgitarre aus massiven Hölzern einen Betrag von 404,-  €* aufruft, wird man hellhörig.

Wir haben uns von Christian Stoll, Gitarrenbauer aus Waldems im Taunus, ein Modell schicken lassen. Die "Primera" ist als Instrument konzipiert, das es auch dem Einsteiger ermöglichen soll, von der verbesserten Klangentfaltung massiver Hölzer zu profitieren. Unser Testmodell besitzt eine 63-cm-Mensur und einen leicht verkleinerten Korpus, ist also ideal für jugendliche Akustikgitarren-Fans oder auch für Mädchen, oder für erwachsene Frauen, denen das Standardmaß Handhabungsprobleme bereitet. Bei gleichbleibendem Preis bietet Christian Stoll die Primera auch mit 65er Mensur oder Boden und Zarge aus Ahorn. Der Boden ist je nach Wunsch ein- oder zweiteilig.

Konstruktion

Die vorliegende Primera 63 hat eine massive Fichtendecke und einen Korpus aus Mahagoni. Hier wurden keinesfalls minderwertige Hölzer verbaut oder solche mit optischen Schwächen. Die Materialauswahl wurde durchaus qualitätsbewusst vorgenommen. Die Bindings bestehen nicht aus Kunststoff, sondern aus Ahorn, was das gediegene Ambiente dieser Gitarre betont. Das Schallloch ist mit einem recht breiten Echtholzmosaik verziert. Die gesamte Verarbeitung ist auf hohem Niveau; ernsthafte Kritikpunkte gibt es nicht. Auch ein prüfender Blick in den Korpus offenbart hochkarätiges Handwerk und saubere Ausführung. Der auf die Decke aufgeklebte Steg besteht aus Palisander und trägt eine Kunststoffeinlage. Eine Längenkompensierung zur Optimierung der Intonation ist nicht vorhanden. Allerdings war die Primera in dieser Hinsicht perfekt eingestellt und bietet in allen zugänglichen Lagen ein perfektes Stimmungs- und Intonationsbild.

Der Hals wurde aus Cedro gefertigt und trägt ein recht kräftiges Palisander-Griffbrett. Die Bundierung mit schmalen mittelhohen Bundstäbchen ist gelungen; keine Grate oder überstehende Ränder behindern die linke Hand beim Greifen. Das Halsprofil ist ein abgeflachtes D und wird allen Spieltechniken gerecht. Die Kopfplatte wurde auf Vorder- und Rückseite mit einem dünnen Furnierstreifen versehen und trägt die einfachen, aber ordentlich funktionierenden Mechaniken. Der Halsfuß wurde angesetzt, doch dies ist auch bei deutlich teureren Instrumenten üblich und kein Kritikpunkt. Nicht gespart wurde beim Sattel, der aus Knochen besteht. Das Instrument wurde mit offenporigem Nitro-Lack in seidenmatter Ausführung lackiert. Das sorgt für ein etwas "rustikales" Aussehen, auf der anderen Seite hat man wirklich das angenehme Gefühl, ein Stück Holz in der Hand zu haben. Eine Ausnahme bildet die Halsrückseite. Hier wurde um der besseren Handhabung willen ein Lack mit einem subjektiv deutlich "glatteren" Gefühl gewählt.

Zwischenfazit: die Stoll Primera ist ein in Sachen Materialien und Verarbeitung hochwertiges Instrument. Die Kompromisse, die zu einer Kostenersparnis führen und den günstigen Preis ermöglichen, wurden optimal ausgewählt und beeinträchtigen nicht den hohen Nutzwert des Instrumentes. Auch die Optik passt in diesen Rahmen: schlicht, aber von angenehm unaufdringlicher Ästhetik. Keinesfalls ist die Primera ein "billiges" Instrument.

Klang und Praxis

Der erste Klangeindruck beim Anspielen ist von einem klaren und ausgewogenen Klangbild bestimmt. Das Instrument ist schwingungsfreudig und spricht gut an. Auch die Reaktion auf unterschiedliche Anschlagtechniken und Dynamikabstufungen ist erfreulich. Aufgrund des analog zur 63er-Mensur verkleinerten Korpus ist dem Frequenzgang nach unten eine gewisse Grenze gesetzt. Dennoch tönt es durchaus warm und voluminös. Die Mitten sind gehaltvoll und werden dafür sorgen, dass sich dieses zierliche Instrument auch im Zusammenspiel mit einer zweiten Gitarre oder einer Flöte gut durchsetzt. Für eine brillante Abrundung sorgen die strahlenden Höhen, die nie aufdringlich wirken.

Kurz gesagt: die Tonbildung der Stoll Primera bewegt sich auf hohem Niveau. Man wird gern auf diesem Instrument spielen.. Einsetzen kann man die Primera im Grunde universal: Songbegleitung, klassische Gitarren-Literatur, kleine Ensembles oder Bossa-Nova - das gesunde Klangbild setzt keinerlei Grenzen. Die Einstellung der Saitenlage ist sehr gut und bietet Raum für individuelle Anpassungen. Wer anfangs einen leichten Anschlag pflegt, kann die Saiten sogar noch einen halben Millimeter tiefer legen lassen. Für mittlere Anschlagstärke ist ein bequemes und doch schnarrfreies Spiel gegeben.

Fazit

Eine handgebaute vollmassive Klassikgitarre für deutlich unter 500,- €*Das ist angesichts der gebotenen Qualität eine Meisterleistung des Gitarrenbauers und verdient uneingeschränkten Beifall. Gerade für jugendliche Einsteiger ist es wichtig, ein aufgrund seiner Klangentfaltung motivierendes Instrument zu spielen - und die Primera wird den Geldbeutel der Eltern nicht allzu sehr strapazieren.

Das Modell mit 65er-Standard-Mensur wird noch etwas voller und lauter klingen und stellt somit eine gute Wahl für erwachsene Ein- und Aufsteiger dar. Mit der Primera wird man auch bei steigenden Ansprüchen zufrieden sein - wer nach fleißigem Üben eine fortgeschrittene Spielkultur entwickelt, hat mit diesem Instrument einen guten und ernstzunehmenden Partner. Gitarrenlehrer, die ihre Schüler bei der Auswahl des passenden Instrumentes beraten, sollten der Stoll Primera ebenfalls ein Ohr gönnen. Das Preis-Leistungs-Verhältnis ist vorzüglich. Eine reife Leistung von Christian Stoll, der an den richtigen Stellen gespart hat, ohne größere Kompromisse bei der Klangqualität einzugehen.

*Bitte beachten Sie, dass dieser Artikel mehr als 10 Jahre als ist. Den aktuellen Preis finden Sie hier.